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Tage des Denkmals – Weinfelden im besten Licht

stellmacherhaus weinfelden bauhaus 01

Das Rathaus, der Scherbenhof, die Schwärzi, das Gasthaus zum Trauben, das Haffterhaus, das Stellmacherhaus, der Grenzbrigadebunker im Schneller, der sanierte Burgstock (Neuburg), die Werkstätten des Gipsergeschäfts Kradolfer und der Hotz Bildhauer GmbH – sie alle und weitere haben am letzten Wochenende des 11. und 12. September 2021 etwas gemeinsam: All diese Orte sind mit einer Flagge geschmückt, die auf die Europäischen Denkmaltage hinweisen. Weinfelden stand dieses Wochenende im Zentrum der Thurgauer Veranstaltungen.

Weinfelden kann nicht nur mit einer stattlichen Anzahl von Baudenkmälern aufwarten, der Ort ist auch so etwas wie ein «Hotspot» für Wissen und Können im Handwerksbereich geworden. «Gewusst wie» lautete denn auch das Motto der diesjährigen Denkmaltage. Nicht umsonst strichen die Rednerinnen und Redner im Rathaus Weinfelden an der Eröffnung das traditionelle Handwerk und die Weitergabe von Wissen und Fertigkeiten zur Pflege des baukulturellen Erbes als besondere Aufgabe und künftige Herausforderung heraus.

«Oh Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön»; damit das so bleibt: Was tun wir dafür und was steckt dahinter, damit das gelingt? Ob Inventarisation, Ausgrabung und Dokumentation, Stuck-, Stein- und Holzhandwerk, Hafnerei und anderes handwerkliche Schaffen: Wissenschaft und Handwerk gehen dabei Hand in Hand. Die kantonalen Ämter für Archäologie und Denkmalpflege spannten zusammen und organisierten über zwanzig Veranstaltungen, in ihrer Vielfalt das umfangreichste Programm in der Ostschweiz.

Der Rathaussaal war gut besucht und das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite. Nach den Grussworten von Regierungspräsidentin Monika Knill und des sichtlich stolzen Gastgebers Stadtpräsident Max Vögeli, sprachen Kantonsarchäologe Hansjörg Brem und der kantonale Denkmalpfleger Giovanni Menghini. Am Apéro bestand Gelegenheit für einen Gedankenaustausch und die Kontaktpflege.

«Das Heimspiel macht Freude, den daraus resultierenden Heimvorteil in der Organisationsgruppe reichen wir den Besuchenden natürlich gerne weiter», geben die Weinfelder Iris Hutter (Archäologie) und Michael Mente (Denkmalpflege) bekannt. Und es war nicht schwer, die tatsächlich bestehende Vielfalt unseres Kantons mit spannenden Veranstaltungen auch passend abzubilden».

So lernte man bei der Besichtigung der historischen über 470 Jahre alten Dachstühle von Scherbenhof und Schwärzi die wesentlichen Merkmale von altertümlichen Dachstuhlkonstruktionen kennen. Sie stammen beide aus der gleichen Zeit wie der kürzlich nach einigen Umbauarbeiten wieder eröffnete Trauben. Durch Bohrproben aus dem Holz kann das Alter über die einzelnen Jahrringe eruiert werden; im Idealfall kann man das genaue Fälldatum ermitteln, wenn der letzte Jahrring, die sogenannte Waldkante sichtbar ist. Das Verfahren heisst Dendrochronologie und ist ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Ämtern und Experten: Stossen die Mitarbeitenden der Denkmalpflege auf interessante Bausubstanz, beauftragen sie die Archäologen mit der dendrochronologischen Analyse. Die Jahrringe des beim Trauben verwendeten Holzes brachten dabei etwa die Überraschung mit sich, dass das Bauwerk hundert Jahre älter ist als bisher angenommen und tatsächlich 1549 «in einem Stück» erbaut worden war. Eine weitere Hilfe der Datierung ist der Blick auf die Art der Konstruktion, worüber man etwa auch auf einer interessanten Führung durch Bauforscher Martin Hüeblin durch den Trauben – die erste Veranstaltung, die zügig ausgebucht war, – einiges erfahren konnte. Drei Rennaissance-Bauten, aber unterschiedliche Konstruktionen, wobei im Trauben neue Techniken zur Anwendung kamen, wie man hören konnte.

Die wissenschaftliche Auswertung, die historische und kunsthistorische Einordnung, erfolgt im Anschluss; denn in drei bis vier Jahren erscheint der Band mit den Weinfelder Hausbiografien in der Reihe der Kunstdenkmäler der Schweiz.

Im Rahmen dieser Arbeit, die viele neue Einblicke in Häuser und Bauten ermöglicht, kam auch eine ganz besondere, bisher unbekannte Geschichte zutage: Das Archiv der Weinfelder Eisenhändler-Familie Haffter, das sich im Bürgerarchiv im Dachstock der Gemeindeverwaltung befindet, hütet eine lückenlose Baudokumentation mit Notizen, Rechnungen, Korrespondenzen und Plänen rund um das 1836–1838 durch Architekt Rudolf Hoffmann erbaute Haffterhaus. Kunstdenkmäler-Autorin Regine Abegg geriet beim Erzählen sichtlich ins Schwärmen. Und dies bereits bei der Führung um durch das Haffterhaus; dabei gab es Einblicke, die man sonst kaum je erhält, etwa in die Büroräumlichkeiten des Stadtpräsidenten. Abgerundet wurde diese Veranstaltung mit bisher nie gehörten Ausführungen, frisch aus der Forschung, durch die Erläuterungen von Franz Isenring, der die besonderen Schätze des Bürgerarchivs präsentierte. Seine Führung entlang der Weinfelder Brunnen stiess ebenso auf reges Interesse.

Auf die wissenschaftliche Auswertung wartet nun auch die Ausgrabung und Sanierung auf dem Burgstock. Die Grabungstechnikerin Florence Gilliard führte zwei interessierte Gruppen über die Grabungsstelle und erzählte über Funde, Befunde und ausgeführte Arbeiten der Archäologen. Auch hier liessen sich einige Anknüpfungen zum «Gewusst wie» finden – zum Beispiel: wie saniert man heute eine Ruine mit alten Techniken?

Alte Techniken, neu angewendet – im Atelier des Gipsergeschäfts Kradolfer erhielten die Besuchenden Einblick ins Stuckaturhandwerk und konnten selbst Formen giessen. Begeisterung lösten auch der Besuch im Atelier Hotz Bildhauer aus und die Besichtigung der Baustelle von Echtholz AG in der Hubgasse, wo eindrucksvoll angewandtes Holzhandwerk sowie die Hafnerei vorgeführt wurden. Ein besonderer Leckerbissen waren die Führungen durch das einst umstrittene und noch rechtzeitig gerettete Stellmacherhaus an der Thomas-Bornhauser-Strasse, ein seltenes Baudenkmal des Neuen Bauens aus den 1930er-Jahren. Die vom Bund Schweizer Architekten (BSA) organisierte Veranstaltung bestritten Architekt Ueli Wepfer und Malermeister Martin Vock.

Über den Alltag in der der Inventarisation konnten sich die Besucherinnen und Besucher am Stand im Rathaus informieren: Die Fachleute Richard Nemec und Christian Coradi gaben bereitwillig Einblick in die Inventare. Vor dem Rathaus stand unübersehbar der «Infopoint», geführt von Mitarbeitenden des Amts für Archäologie.

Ein rundum gelungener Anlass, den eine Rundfahrt mit dem «Thurgauer-Zug» der ausgebuchten Mittel-Thurgau-Bahn durch den Kanton, mit Erläuterungen von Archäologen Urs Leuzinger und SBB-Denkmalpflegerin Bärbel Schallow-Gröne, abrundete.

Schön war, dass die Veranstalter, Handwerksbetriebe und Private ihre Häuser geöffnet, ihr Können vorgeführt und mit Freude an diesen Denkmaltagen mitgemacht haben. Ihnen und den Mitarbeitenden der Stadt und allen Helferinnen und Helfern sei herzlich gedankt.

Quelle: Michael Mente und Heinz Reinhart
Foto: Christof Baumann Architektur GmbH, Kreuzlingen

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