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Neues aus der «Neugasse»

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«Fundstücke aus der Weinfelder Geschichte und Kultur» - Nr. 3

Bild oben: Aufnahme der «Neugasse» (spätere Amriswilerstrasse) um circa 1910, nach Osten, auf Höhe der Gerbereigebäude aufgenommen. – Fotoarchiv der Kantonalen Denkmalpflege.

Das heutige Fundstück, eine Aufnahme aus dem Fotoarchiv der kantonalen Denkmalpflege, führt uns gut 100 Jahre zurück: Die Fotografie zeigt wahrhaft beschaulichere Zeiten, wenn man bedenkt, wie vielbefahren die heutige Amriswilerstrasse ist. Und man fragt sich, was wohl der Sinn dieser Aufnahme gewesen sein mag,

Michael Mente

Hätte er das Haus an der linken Seite (Amriswilerstrasse 5) fotografieren wollen, hätte er sich wohl anders aufgestellt, um es besser in den Blick zu bekommen. Das stattliche Gebäude stammt in seiner Gesamtform aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und steht geschichtlich wohl im Zusammenhang mit Gebäuden, von denen man auf der Aufnahme nur die der Strasse zugewandten Gärten sieht:
Zur linken Schulter des Fotografen steht die alte Häusergruppe der Gerberei (Thurnheer) aus dem 16.  Jahrhundert und zur rechten das stattliche Mansarddach-Haus «zur Gerbe» (heute Schuhmacherei Mente) aus dem frühen 19. Jahrhundert. Auch darum ging es ihm wohl nicht.
Man gewinnt bei näherer Betrachtung den Eindruck, der Fotograf wollte vielleicht einfach die Strasse ablichten. In Anbetracht dessen, dass Fotomaterial teuer war, darf man spekulieren, dass das so beauftragt war. Wollte man eine frisch erstellte, ausgebaute Strasse zeigen?
Hier hatte sich tatsächlich einiges in den letzten Jahren getan. Bis ins 19. Jahrhundert hinein befinden wir uns an dieser Stelle am Dorfrand. Übrigens ein Grund dafür, dass seit der frühen Neuzeit der grösste Gerberei-Komplex (Gerbergässli 1, 2, 4 sowie ein fehlendes Gebäude und Amriswilerstrasse 16 und 18) hier entstanden ist. Es dürfte hier vor allem wegen der Gruben ziemlich streng gerochen haben. Vergegenwärtigen wir uns das damalige Dorf, so blicken wir auf der Höhe von «Hirschen» und «Trauben» Richtung Osten auf praktisch freies und unbebautes Land. Einzig die «Neugasse», die spätere Amriswilerstrasse, die Richtung Gontershofen und Bürglen führt, säumten locker einige Bauten. Die Thomas-Bornhauser Strasse wird übrigens erst 1908 gebaut.
Was an dieser Stelle auch seit Kurzem anders war: Der Rüdenbach, der einstige Gerbereibach, ist 1906 verschwunden. Bis dahin floss er ziemlich genau da, wo der Fotograf gestanden haben dürfte: von unter dem Durchgang der Gerbergässli-Häuser herkommend Richtung Giessen – mitten durch die Neugasse, den Häusern (Amriswilerstrasse 18 und 6) entlang, dann bog er etwa dem Verlauf der heutigen Felsenstrasse folgend Richtung Süden ab. Der Bach, den man oberhalb beim Feuerwehrteich wieder freigelegt hat, wurde hier unten eingedolt und verläuft seit 1906 unterirdisch.
Bis zum Zeitpunkt als der Fotograf auf den Auslöser drückte, hat also die Entwicklung Richtung Osten begonnen. Wollte man eine frisch ausgebaute, vielleicht verbreiterte und nun trockengelegte Strasse, an welcher laufend Häuser errichtet wurden, zeigen? Man weiss es nicht. Trockener ist es aber in der Tat geworden. Seit 1894 wird nicht mehr gegerbt; in der «Gerbe» ist eine Färberei und später chemische Waschanstalt eines Herrn Zürcher eingezogen.

Apropos trocken: Wenn sich der Fotograf umdrehen würde, erkennt er, dass man im grossen, einstigen Gerbereigebäude tatsächlich auch noch Schirme kaufen konnte. Das ist mir erst aufgefallen, als ich mich mit diesem Fotofundstück beschäftigt habe und infolgedessen Aufnahmen von Häusern dieser Gegend wieder einmal genauer betrachtet habe. Ich habe zudem Inserate des Färbereibetriebs Zürcher gefunden – unter anderem eines von 1905, also etwa der Zeit der Fotografie. Der vielseitige Geschäftsmann – das scheint eine Tradition in diesem Haus zu sein – betrieb im gleichen Gebäude ein Schirmdepot der heute noch existierenden Frauenfelder Firma Glatz.
Damit waren nun wirklich alle Voraussetzungen gegeben, dass man trockenen Fusses an dieser Ecke Weinfeldens unterwegs sein konnte.

PS – Von Strassen und Gassen

Um die letzte Jahrhundertwende bestand im Dorf ein grosser Teil der Strassen wie wir sie heute kennen; natürlich noch ungeteert und ohne Trottoirs, einzelne Pflasterungen waren vorhanden (seit 1825 die Hauptgasse). Natürlich trugen nicht alle Strassen und Wege Namen. Doch statt von einer «Strasse» sprach man noch meist von einer «Gasse». Ein paar Beispiele: Kennen Sie die Namen noch?

Hauptgasse (Frauenfelderstrasse), Neugasse (Amriswilerstrasse), Feldgasse und Rathausgasse (werden beide zur Rathausstrasse), Fröschengasse (wird zu Bankgasse und schliesslich Bankstrasse), Storchengasse (Storchenstrasse), Kellengasse (Marktstrasse), Schalmengässli (etwas südlicher verlegt und zur Pestalozzistrasse geworden). Geblieben sind: Kirchgasse, Schlossgasse, Winkelgässli (auch Metzgergasse) oder der Gässliweg. Im Dorfteil «Weinfelden Süd» gab es nie Gassen. Was fortan neu gebaut wurde, war gleich eine Strasse oder allenfalls ein Weg.

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Die Kleiderfärberei und chemische Waschanstalt an der Neugasse („Haus zur Gerbe“, heute Amriswilerstrasse 18 und Schuhmacher Mente). Bei genauer Betrachtung sieht man das Schild des Schirmdepots der Firma Glatz. Ansichtskarte um ca. 1920, M. Mente.

Inserat aus dem Katalog der Weihnachtsausstellung des Gewerbevereins von 1905 mit dem Hinweis, dass J. Zürcher auch Schirme verkauft (und vielleicht zur Reparatur entgegennimmt?). – Bürgerarchiv Weinfelden.

Ausschnitt aus einer älteren Karte, die den Namen «Neugass» noch einmal ganz anders darstellt; es wird hier der Eindruck erweckt, dass es sich um ein Quartier (Dorf wächst nach Osten; Friedhofstrasse 1872 erste Planstrasse) gehandelt haben könnte. – © swisstopo «Zeitreise».

Einzige bisherige Darstellung zum Thema Strassen in Weinfelden:
Lei, Hermann: Weinfelden, 1983, bes. S. 357 ff.; Ders. Geschichte und Geschichten um Weinfelder Häuser und Plätze, 1974.

michael mente weinfelden wyfelder thurgau

Michael Mente – ist Historiker, Archivar, Autor verschiedener Bücher und Beiträge und arbeitet derzeit in der Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Er ist in Weinfelden aufgewachsen und schreibt für den Wyfelder seit Start. In der Reihe «Fundstücke aus der Weinfelder Geschichte und Kultur» erzählt er uns zudem in loser Reihenfolge durch «sein» Weinfelden spazierend von unserem Städtchen.

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