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Für ein Ostern ohne Unterschiede

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moMente eines Stadtschreibenden #1

«Welch Unterschied», seufzt Regina auf ihrer Postkarte an ihren Bruder Hans. Der Text ist herzzerreissend. Sie hat soeben die Briefe ihres Bruders «John», der in den USA weilt, erhalten und grüsst ihn mit dieser Oster-Karte aus Weinfelden. Sie habe vor Weinen kaum fertiglesen können. Da sie bei einer Modistin in Weinfelden den Frühling verbringt, vermutlich wie viele Frauen ein Haushaltsaufenthalt, Rudolf in einer Waffenfabrik arbeitet und nur die Schwestern Bertha und Martha bei den Eltern die Festtage verbringen, wird Regina Ostern ganz allein im Thurgau feiern müssen. «Welch Unterschied».

Michael Mente

Die Karte ging mitten im Krieg 1916 nach Washington und ans Herz. Jenseits des Ozeans werden ebenso Tränen geflossen sein. «Deine Dich nie vergessende Schwester Regina» steht da noch im fröhlichen Ostergetümmel, das eine Ansicht der Weinfelder Poststrasse umrahmt. Keiner weiss, was da zwei Hähne sollen, aber immerhin erscheint Reginas derzeitiger Wohnort wie aus dem Ei gepellt. Damals war ein Abschied einschneidender als heute. Die Postkarte, das WhatsApp der Zeit, die Post überhaupt, konnte da etwas lindern. Und dennoch:

Wenig Platz für tiefgründige Mitteilungen und doch so intensiv als ein über Distanzen gereistes, gleichsam materialisiertes Lebenszeichen; das macht die Ansichtskarte seit je zu einem erfolgreichen Objekt symbolischer Kommunikation in der Beziehungspflege. Man spricht da auch von «phatischer Kommunikation» (oder Kommunion): Man will mit dem Austausch von Worten oder Objekten weniger Information teilen, sondern Gemeinsamkeit schaffen und die Beziehung stärken. Im wahrsten Sinn etwas mit-teilen.

Wer damals in die USA auswanderte, der reist nicht schnell rüber in die Sommerferien; de facto sieht man sich kaum jemals wieder. Was mag hier eine Ansichtskarte bewegt haben. Eine Bahnfahrt, überhaupt eine Reise, ist noch ein aufwendigeres, für viele kostspieliges und sicher auch für einige nicht ganz unaufgeregtes Unterfangen. Bestimmt geht auch eine Karte von Weinfelden nach Lausanne. Die Postkarte des Soldaten im Krieg war in der Tat auch materiell ein Lebenszeichen. Rudolf geht es bestimmt gut in der Waffenfabrik.

Es war ein anderes Leben vor gut 100 Jahren. Der Fortschritt, die ansteigende Mobilität, für viele ebenso faszinierend wie verängstigend und verunsichernd, der Alltag aber noch immer ungleich härter als heute. Man vergegenwärtige sich, was eine Geburt oder eine Grippewelle noch lange für ein Risiko bedeuteten, die kurze Lebenserwartung, das Heimweh von jungen Frauen wie unsere Regina, die in einem der unzähligen Wirtshäuser und Hotels, bei Privaten als Zimmermädchen wirkten, das Leben in alten, kaum beheizten Räumen, Fabrikalltag, Feldarbeit usw. Von all dem können wir heute in kleinen Kurzmitteilungen auf Postkarten lesen oder solches uns ausmalen. Kleine Momente des Glücks, wenn man das kleine Stück Karton des vermissten und weit entfernten Gegenübers in Händen hielt.

«Welch Unterschied». Heute sind wir ständig online, am Kommunizieren. Die Frage, ob wir tatsächlich miteinander mehr reden, ist eine andere. Aber: Was wird man künftig von uns in dieser Zeit der Krise, in der wir uns nun seit über einem Jahr befinden, lesen? WhatsApp, SMS, nicht einmal E-Mail werden kaum länger überliefert bleiben. Verlassen sich künftige Generationen da nur auf Zeitungen und andere offizielle Berichterstattungen, und gehen wir dabei im Gegensatz zu John vergessen? Was ist mit unserem ganz eigenen Warten, Hoffen, Glauben in dieser Krise; wie verändern wir uns, was lernen wir, was sind unsere Wahrnehmungen und Erkenntnisse, was nehmen wir uns vor, wie machen wir uns auf jene ersehnte neue Normalität bereit?

«Welch Unterschied». Wenn man seinen Liebsten nicht nahe sein kann, obwohl heute die Distanzen geschrumpft, die Geschwindigkeiten erhöht, die Mobilität Normalfall ist und selbst eine Reise in die USA nicht das Ende einer Beziehung bedeuten muss – bei genauer Betrachtung beschleichen einen bei Reginas Karte, geschrieben vor über hundert Jahren, vertraute Gefühle. «Social Distancing» – die geforderte Geduld geht so langsam, aber sicher über das menschlich Erträgliche hinaus. Wir alle vermissen Leute, kleine und grössere Dinge, die Auszeit bieten und das Leben lebenswert machen. Das ist nicht die Art von Fasten, die wir uns wünschen würden und in welcher das Verzichtete an Wert gewinnt und dem Gefühl von Selbstverständlichkeit entrissen wird.

«Welch Unterschied». Vor einem Jahr lockerte der Bundesrat just an Ostern ein erstes Mal nach dem ersten harten Lockdown die Massnahmen. Die Botschaft des christlichen Osterfestes kam mit der Hoffnung der Welt zusammen. Und heute? Ein Teil-Lockdown, weiter einschneidende Regelungen und unsichere Perspektiven, Durchhalteparolen. Masken und Impfungen sind wie die Reliquien von Gläubigen, die etwas Konkretes als Medium zu jener Welt danach und dahinter suchen.

«Welch Unterschied». Die Menschen damals waren nicht weniger als heute zwischen der Faszination und der Angst rund um den rasanten Fortschritt hin- und hergerissen. Der Krieg brachte zwar Einschränkungen, aber das Leben brummte. Die Spanische Grippe wird erst noch kommen, und wie heute wird sie für einen Moment alles stilllegen. Vielleicht fällt uns aber die erzwungene Stille etwas schwerer, da unbekannter geworden? Angst und Unsicherheiten trotz grossen Fortschritten in der Medizin, dem anhaltenden Glauben an die Beherrsch- und Messbarkeit der Natur. Das dauernde Abwägen zwischen Wirtschaft und Gesundheit. Die Digitalisierung ist nicht in Quarantäne, im Gegenteil, aber kommt unsere Seele dem rasenden Fortschritt noch nach? Quarantäne, die 40 Tage in der Wüste, ist die Zeit des Innehaltens, bevor man sich der Welt (wieder) stellt. 

Quarantäne – das Wort lehnt sich tatsächlich an die 40 Tage in der Bibel und wurde seit der mittelalterlichen Pest als Massnahme auf die Medizin übertragen – und das erzwungene Warten. Vielleicht auch das Heilen. Nutzen wir diese Zeit oder sitzen wir es nur aus? Und das Fasten? Wie hält man die Spannung zwischen erzwungenem und bewusstem Verzicht aus?

Ostern – das Ende von Fasten (und Quarantäne): Es ist das christliche Fest, an dem die befreiende Botschaft des Evangeliums gefeiert wird. Halten wir uns daran. Phatisch, indem wir uns ernst gemeint, aber Nähe schaffend, schöne Ostern wünschen, und emphatisch, indem wir füreinander – über Distanzen hinweg – trotzdem nahe sind, voneinander hören lassen, uns zuhören, miteinander lernen, einander erzählen uns gegenseitig bestärken und hoffnungsvoll vorwärtsschauen. Das ist wohl die beste Impfung für schwierige Zeiten wie diesen. In der Quarantäne ist auch Zeit, zu sich sowie zum Wesen des Menschseins zu finden und über sich hinauszudenken. In diesem Sinne frohe, friedliche, aber auch Hoffnung spendende Ostern – ohne Unterschiede.

3. April 2021

Beitragsbild: Bildseite der Karte, die Regina am 7.4.1916 aus Weinfelden in die USA verschickt hatte. – Sammlung M. Mente

Wer mehr über Postkarten, ihre Kulturgeschichte erfahren möchte

Mente, Michael. Ansichtskarten sind Ansichtssache: Bilder, Grüsse und Metadaten. Über den Wert topografischer Ansichtskarten in Archivbeständen und Einsichten in Fragen ihrer archivischen Erschliessung, Chur 2016. (= Churer Schriften zur Informationswissenschaft, Nr. 81). Download der digitalen Ausgabe hier:

 
Churer Schriften zur Informationswissenschaft 2016 Nr. 81 Michael Mente Weinfelden Wyfelder
michael mente weinfelden wyfelder thurgau

Michael Mente – ist Historiker, Archivar, Autor verschiedener Bücher und Beiträge und arbeitet derzeit in der Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Er ist in Weinfelden aufgewachsen und schreibt für den Wyfelder seit Start. In der Reihe «Fundstücke aus der Weinfelder Geschichte und Kultur» erzählt er uns zudem in loser Reihenfolge durch «sein» Weinfelden spazierend von unserem Städtchen und teilt Gedanken in der Stadtschreiber-Kolumne «moMente».

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