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Die Pandemie hat die Individualität, aber auch das Bedürfnis nach Begegnungsorten gestärkt

21. Juli 2021 – Die Corona-Pandemie wird dauerhafte Veränderungen unseres Lebensmodells nach sich ziehen und damit Auswirkungen haben auf die räumliche Entwicklung in der Schweiz. Zu diesem Ergebnis kommt der Raumplanungsverband EspaceSuisse in seinem Bericht «Post Corona».
 

Heidi Haag ist Beraterin für Siedlungsentwicklung bei EspaceSuisse

EspaceSuisse berät Städte und Gemeinden bei der Siedlungsentwicklung oder wenn sie ihre Stadt- und Ortskerne erneuern und beleben wollen. Seit einigen Monaten verlangen die Behörden bei unseren Beratungen jedoch auch Aussagen zu den längerfristigen Auswirkungen von Corona auf ihre Stadt- und Ortszentren. Da die wissenschaftliche Forschung zu den Auswirkungen dieser Pandemie auf Gesellschaft und Raum erst begonnen hatte, entschied sich unser Team Siedlungsberatung Ende 2020, in einem Arbeitsprozess mit internen und externen Fachleuten aus unterschiedlichen Fachbereichen, die Erfahrungen des letzten Jahres zu analysieren und im Bericht «Post-Corona» festzuhalten.

Keine einfachen Rezepte
Ziel des Berichts ist es, zu wichtigen Themenfeldern der Raum- und Ortsplanung den kommunalen Behörden, aber auch den Fachleuten, Argumente und Diskussionsgrundlagen zur Verfügung zu stellen. Es wird auch bewusst darauf verzichtet, konkrete Handlungsempfehlungen abzugeben, da diese je nach Gemeindegrösse oder -typologie sehr unterschiedlich sein können.

Öffentliche Hand als lenkende Kraft gestärkt
Die wichtigsten Ansprechpartner bei unseren Beratungen sind die Stadt- und Gemeindebehörden. Schon während der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass sich die Rolle der öffentlichen Hand als aktive Entwicklerin des Raums (z.B. Nutzung des öffentlichen Raums für die Gastronomie) und Verwalterin gemeinsamer Werte (z.B. Organisieren von Nachbarschaftshilfe) gestärkt hat. Andrerseits sind die Herausforderungen bei der Innenentwicklung gestiegen. In Zukunft werden dem Gebot des haushälterischen Umgangs mit dem Boden vermehrt Befürchtungen gegenüberstehen, der persönliche Freiraum könnte eingeschränkt werden. Siedlungsqualität mit hochwertiger Architektur und wertvollen Aussenräumen wird deshalb noch wichtiger. Eine weitblickende Planung, die der Bevölkerung aktiv vermittelt wird, oder der vermehrte Einsatz qualitätssichernder Verfahren, tragen zu dieser Qualität bei.

Veränderung der Lebensmodelle
Eine der wichtigsten Aussagen unseres Berichts ist, dass Corona dauerhafte Veränderungen in unseren Lebensmodellen nach sich ziehen wird. Ob beim Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, in der Mobilität oder in der Freizeit: Die Menschen haben Alternativräume und neue Zeitfenster gesucht, sie sind in digitale Welten ausgewichen oder zur Erholung in wenig belebte Landschaften gefahren. Einige dieser neuen Gewohnheiten werden sie behalten wollen. Und dies hat räumliche Auswirkungen.

Homeoffice und dezentrale Büros bleiben
Die Verschiebung eines Teils der Arbeitsplätze von den zentralen Büros in die Wohngebiete oder in Subzentren ist irreversibel. Ob für Homeoffice, Co-Working, externe Firmenbüros oder multilokale Arbeitsmodelle, es werden neue Raumbedürfnisse entstehen. Regionalzentren wie Delémont, Spiez oder Brig könnten dabei aufgrund ihrer Angebote (Einkauf, Freizeit, Kinderbetreuung etc.) eine wichtige Rolle übernehmen.

Corona hat deshalb auch einen Bruch im Büromarkt zur Folge. Büroflächen werden nicht mehr im gleichen Ausmass nachgefragt und in der gleichen Form gebaut werden wie vor Corona. Das klassische Büro wird jedoch Identifikationsort bleiben und insbesondere zur Innovationsfähigkeit und Mitarbeiterbindung beitragen. Die hierfür benötigten Begegnungs- und Besprechungsflächen und die Anforderungen an deren Qualität werden zunehmen.

Eigenheim wird sicherer Rückzugsort
Indizien weisen darauf hin, dass der persönliche Platzbedarf steigt. Die Notwendigkeit, zuhause Raum und Ruhe zum Arbeiten und Lernen zu haben, sorgt für eine höhere Nachfrage nach Wohnfläche und führt teilweise zu einer Migration in günstigere, peripherere Regionen. Dies wird vor allem für Familien ein Thema sein. Sie erkaufen sich diesen Wohnraum aber mit längeren Wegen und einem Verlust an Zentralität. Auch hier könnten Regionalzentren mit dem gezielten Ausbau von Angebotsstrukturen wichtige Funktionen übernehmen.

Keine Stadtflucht
Corona wird unserer Einschätzung nach jedoch nur beschränkt eine Stadtflucht mit sich bringen, denn es zeigt sich auch eine Renaissance der Stadt. Diese bleibt attraktiv, nicht nur für Junge und Ältere. Dabei wird die urbane Qualität zum zentralen Prüfstein, dazu gehören attraktive Aussenräume, kurze Wege und eine hohe Wohnqualität. Auch in der Stadt ist die Lust auf Grünräume und beruhigte Strassen stark gewachsen, die entspannte Situation während der Coronazeit wird vielen als wichtige Erfahrung in Erinnerung bleiben.

Die heute schon entstehenden multifunktionalen Strukturen, wo Wohnen mit Arbeiten und Freizeit kombiniert wird – sogenannte 24-Stunden-Quartiere – erfahren eine zunehmende Bedeutung für die Städte, aber auch für kompaktere ländliche Gemeinden. Hier ist eine neue Urbanität am Entstehen, wo Dichte mit Annehmlichkeiten verbunden wird. Die Innenstadt, das kompakte Stadtquartier oder der Ortskern als Wohnort werden weiter an Attraktivität gewinnen, weil sie in vielen Fällen bereits dieser 24-Stunden-Qualität entsprechen.

Stadtzentren als Identifikationsorte bestätigt
Im Teillockdown und während der Schliessung von Restaurants und Kulturstätten wurden sich viele Menschen wieder des Wertes der Begegnung und des Austauschs in den Stadt- und Ortszentren bewusst. Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass zur Belebung der Zentren der Detailhandel und die Gastronomie einen wichtigen Beitrag leisten – und diese wurden durch die Pandemie arg gebeutelt.

Onlinehandel ist etabliert
Corona hat den Strukturwandel im Detailhandel beschleunigt. Auffällig war zum einen die Verschiebung der Kaufkraft in den Onlinehandel, zum andern Richtung Wohnort beziehungsweise Richtung Ort des Homeoffice. Vom Letzteren werden in Zukunft attraktive Quartier- und Regionalzentren profitieren.

In den Stadtkernen bleiben die Erdgeschosse im Fokus, wo die Nutzungen und Mieterträge wegbrechen. Eine zentrale Strategie aus Sicht von EspaceSuisse sind hier breiter abgestützte, diversifiziertere Nutzungen, die weniger vom Detailhandel abhängig sind. Neben traditionellen Geschäften können Startups, Non-Profit-Läden (wir sprechen von Paraläden), soziale und kulturelle Angebote oder Handwerk kleinere Erdgeschossflächen einnehmen: Solche Strukturen können als «resilient» bezeichnet werden und helfen, die Zentren zu stützen. Bei diesem Wandel spielen die Hauseigentümer eine entscheidende Rolle. Wichtig ist hier anzufügen, dass für jedes Stadtzentrum und für jede Strasse die zielführenden Massnahmen unterschiedlich sein können. Erst nach einer Analyse der Verhältnisse und in Absprache mit den lokalen Akteuren können diese festgelegt werden.

Gastronomie bleibt Stütze der Begegnung in den Städten und Gemeinden
Corona hat in der Gastronomie trotz oder wegen grosser Einschränkungen eine neue Dynamik ausgelöst. Die während der Krise zugestandenen Erleichterungen, wie die verstärkte Nutzung des Aussenraumes oder den Erlass von Gebühren, könnten sich als Chance erweisen, um das Überleben der Betriebe in den Zentren zu sichern und den Aussenraum auch in Zukunft zu beleben.

Verschiebungen in der Mobilität
Wir gehen davon aus, dass die räumlichen und zeitlichen Veränderungen der Mobilität auch nach Corona sichtbar bleiben werden. Wenn die regelmässigen Fahrten zur Arbeit durch vermehrtes Homeoffice abnehmen, lohnen sich Strecken- und Generalabonnements oft nicht mehr. Vor allem für Erwerbstätige, die in ländlicheren Regionen wohnen, könnte das Auto wieder zur attraktiveren Mobilitätsform werden. Demgegenüber wird die sanfte Mobilität, also der Fuss- und Veloverkehr, in den Städten nochmals an Bedeutung gewinnen. Viele haben ihre Lebensumgebung während der Pandemie in einer neuen Qualität erlebt, mit weniger Lärm, besserer Luft und mehr Sicherheit. Aus diesen Verschiebungen lassen sich die Chancen und Risiken einer Verkehrsverlagerung erkennen.

Tourismus wird sanfter und individueller
Der Schweizer Tourismus wird nach Corona stärker auf Regionalität und Individualität setzen. Durch die steigenden Freizeitaktivitäten wird der Druck auf die Landschaft und den Wald jedoch zunehmen und zu einem vermehrten Dialog über Nutzungskonflikte führen.

Beim Erarbeiten des Berichts «Post Corona» waren sich die Fachleute nicht immer einig, ob wir aus den gemeinsamen Erfahrungen die richtigen Schlüsse zogen. Vielleicht sind Sie als Leserin oder Leser auch nicht mit allen Aussagen einverstanden. Wir finden das nicht schlimm. Wichtig ist uns, mit dem Aufzeigen der komplexen Zusammenhänge eine Diskussion auszulösen und unseren Expertinnen und Experten mit dem Bericht eine «Checkliste» zur Verfügung zu stellen, damit sie im konkreten Fall, vor Ort die richtigen Fragen stellen, Antworten finden und Empfehlungen formulieren können.


Der Bericht «Post Corona» kann auf der Webseite von EspaceSuisse heruntergeladen werden. 

Text: Heidi Haag ist Beraterin für Siedlungsentwicklung bei EspaceSuisse
Foto: David Keller

 

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