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Auf den Spuren der Burg – Grabungen auf dem «Burgstock» haben begonnen

Neuburg Weinfelden Wyfelder Ausgrabungen

«Fundstücke aus der Weinfelder Geschichte und Kultur» - Nr. 8

Diese Woche haben die archäologischen Grabungsarbeiten an der und um die gut erhaltene Südmauer der einstigen «Neuburg» begonnen. Ziel ist die Sicherung vor weiterem Zerfall. Bevor die Maurer für diese Arbeiten kommen, legen die Mitarbeitenden der kantonalen Archäologie die betreffenden Mauerabschnitte bis Sommer frei und nehmen Befunde auf. Ein spannender Grabungssommer steht an.

Michael Mente

Man sieht Florence Gilliard, der frisch nach Weinfelden gezogenen jungen Archäologin und Grabungstechnikerin die Freude an, in der neuen Heimat an so einem Projekt wirken zu dürfen. Hier, auf der bekanntesten und am besten erhaltenen Burgstelle auf Gemeindegebiet, wurde noch nie gegraben und so ist sie gespannt, was sie vorfinden wird.

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Grabungstechnikerin und Archäologin Florence Gilliard studiert die nächsten Schritte. – Foto: M. Mente.

Noch sieht man nicht viel, einige erste Sondierungsgräben, Haufen von ausgegrabenen Steinen. Die Aussenseite der südlichen, gut 40 Meter langen und bis 4 Meter hohen Stützmauer, die Oberkante und Umgebung wurde schon vergangenen Herbst von Bewuchs grob befreit und erste Vermessungen haben stattgefunden. Trotzdem bleibt die Arbeit anstrengend: Das Plateau des «Burgstocks» ist bewaldet und stark bewachsen, entsprechend viel Wurzelwerk, das auch ins Mauerwerk dringt, erschwert das Vorankommen. Einiges an Abfällen – allerdings aus neuerer und neuester Zeit und Auffüllungen, ein etwas rücksichtslos, wie sich herausgestellt hat, eingemauertes Bänkchen waren zuerst zu entfernen. Aber die Motivation von Gilliard und des Zivildienstleistenden Yannick Suter, der sich wacker zum Fundament der Stützmauer gräbt und schon jetzt mehr als das bisher sichtbare Mauerwerk freigelegt hat, ist gross. Bald wird das Team, unter anderem auch durch einen Werkhofmitarbeiter, verstärkt und man hofft, bis zum Eintreffen der Maurer, die dann die eigentlichen Sicherungsarbeiten ausführen werden, so weit wie möglich zu kommen und etwas mehr Klarheit über den Grundriss zu erhalten.

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Yannick Suter, eben noch auf Tauch-Expedition, freut sich über seinen Einsatz als Zivildienstleistender auf der Grabung. Vorsichtig tastet er sich Richtung Fundamentsohle und zieht den Graben der Südmauer entlang Richtung Westen weiter. – Foto: M. Mente

So werden momentan weniger Funde als Befunde erwartet, das heisst: Verstehen. Denn bis jetzt ist alles andere als klar, wie das Mauerwerk genau verläuft und was davon erhalten ist. Das Plateau ist etwa 20 auf 50 Meter gross und die eigentliche Burgstelle wurde durch die Erbauer durch einen massiven Halsgraben abgetrennt. Die Reste von ehemaligen Bauten sind durch Erhebungen und Vertiefungen im Gelände zu erahnen. Gilliards Blick schweift während des Gesprächs immer wieder sehnsuchtsvoll in ihre Richtungen; zu gerne würde sie die Sondierungen ausweiten. Doch eins nach dem anderen.

Wie die Anlage aussah, davon weiss man derzeit in der Tat wenig. Die bisher bekannten Pläne und Zeichnungen geben höchstens Anhaltspunkte, sind aber alles andere als genau. Einen Eindruck vermitteln eine Planskizze von Johann Jacob Lavater (1695) und schliesslich Luftrelief-Aufnahmen, die eine Dreiecks-Burg vermuten lassen. Die Burg ist schon früh zerstört worden und wurde wie viele dieser Stellen als Steinbruch genutzt, indem man Material für den Bau von Häusern und zur Befestigung von Strassen abgebaut hatte.

Sosehr man gerne mehr wissen wollen würde: Ziel der aktuellen Grabungskampagne ist vor allem die Sicherung des Bestands vor weiterem Zerfall. Die eigentlichen Sanierungsarbeiten müssen bei wärmeren Temperaturen erfolgen; der Kalkmörtel müsse lange abbinden, sonst hält er nicht.

Man werde die zur Verfügung stehende Zeit gut nutzen und hofft, dass man auch während der Maurerarbeiten an anderer Stelle noch arbeiten, weiter graben kann. Platz sei hier ja genug vorhanden, damit alle aneinander vorbeikämen, sagt Gilliard. Überhaupt: Sie geniesst den Ort mit der Feuerstelle, auf welcher für das Team auch Kaffee gekocht wird. Das Treppensteigen helfe zudem der körperlichen Ertüchtigung.

Ein spannender Grabungssommer auf dem «Burgstogg» oder «Stock» bahnt sich an und zum ersten Mal wird die mittelalterliche Burganlage etwas von ihrem Geheimnis preisgeben. Der Grossteil der «Neuburg» ist auch während den bis September dauernden Arbeiten zugänglich. Das Amt für Archäologie steht für Auskünfte zur Verfügung, bittet allerdings Besuchende, die Abschrankungen zu berücksichtigen und die Baustelle aus Sicherheitsgründen nicht zu betreten. Es wird mit Sicherheit Gelegenheiten geben, an welchen die Bevölkerung zu Führungen eingeladen wird.

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Zeichnung Lavaters - Gut möglich, dass zu jener Zeit doch schon gewisse Grabungen gemacht wurden. – Bild: Zur Verfügung gestellt, Amt für Archäologie.

Ein Wort zur «Neuburg»: Ursprünge und Zerstörung

Die bekannteste Ruine unter den bemerkenswert zahlreichen mittelalterlichen Sitzen auf der Flanke des Ottenbergs liegt auf dem «Burgstogg», deren Südmauer bei lichter Vegetation von der Burgstrasse her gut einsehbar ist. Ihre Anfänge liegen irgendwo im Hochmittelalter. Die Freiherren von Bussnang, («nobiles»), die hier erscheinen, sind ab der Mitte des 12. Jahrhunderts in der Gegend und in enger Beziehung zum Bistum Konstanz und der Fürstabtei St. Gallen bis ins 15. Jahrhundert belegt. Die Gründung der «Neuburg» oder «Neuenburg» wird bisher im 13. Jahrhundert vermutet; die mit der Burg zusammenhängenden Rechtsame dürften älter sein und im Frühmittelalter beginnen. Warum die urkundlich kaum und erst spät im 14. Jahrhundert erstmals erwähnte Burg «Neuburg» heisst, ist letztlich nicht ganz klar; eine übliche Erklärung ist, dass sich das auf die Stammburg der Freiherren von Bussnang (oder auf das nachmalige Schloss Weinfelden) bezieht. Doch, das muss nicht sein: Die moderne Forschung hat gezeigt, dass hochmittelalterlicher Adel sehr mobil war. Erschwerend kommt hinzu, dass ein und dieselbe Person sich in Urkunden im Mittelalter unterschiedlich nennen oder nach einem anderen Sitz oder Herrschaftsrecht benannt werden konnte.

Die Burg spielte aber zweifellos eine wichtige Rolle in der Weinfelder Herrschaftsgeschichte und wurde während der Appenzeller-Kriege (1405/07) zerstört. An einen Wiederaufbau hat man gemäss Hermann Lei bis ins 16. Jahrhundert immer wieder gedacht; doch kam es nie mehr dazu. 1708, so liest man in Unterlagen des Bürgerarchivs, wurden Steine aus der Ruine gebrochen, um damit den steilen Letziweg zu pflästern. Der Name des Weges spricht ebenso für sich wie das später als «Burg» bezeichnete Quartier. Die Burgstelle ging nie vergessen, der «Stogg» wurde schliesslich auf Skizzen romantisch verklärt und entwickelte sich später zu einem beliebten Ziel für Schulen, Pfadfinder und Ausflügler, Ort der Romantik, Zusammenkünfte, Versammlungen und Gottesdienste. Seit 1916 befindet sich der Ruinenplatz im Besitz der Bürgergemeinde Weinfelden.

Was mag sich hier oben einst abgespielt haben. Kaum ein Spaziergänger kann sich heute beim beschaulichen Wandern durch den «Schneller» ausdenken, welchen Anblick die Anlage wohl von unten bot und welches Kampfspektakel sich hier einst zugetragen hat. Mag man wenig über die Ursprünge und die Geschichte während ihres Bestehens wissen. Zumindest das Ende der Burg wird dafür umso mehr ausgeschmückt.

Das verdanken wir Thomas Bornhauser (1799–1856). Der Weinfelder Pfarrer, Publizist und Volksschriftsteller war vom Freiheitsgedanken seiner Zeit ergriffen und verfasste ein 1853 veröffentlichtes Heldenepos über Graf Rudolf von Werdenberg, dem Anführer der Appenzeller in ihrem Krieg gegen den Fürstabt von St. Gallen. Ein Schauplatz dieser Auseinandersetzungen war auch die «Neuburg» ob Weinfelden und diesen schmückte Bornhauser besonders aus; vielleicht liess er sich dabei von einer hiesigen Volkssage leiten, die erzählt, warum die Burg zerstört worden war:

Während der Auseinandersetzungen wurde in dieser Geschichte Hedwig, die Tochter des Grafen, der um sein österreichisches Erbe kämpfte, entführt und auf die «Neuburg» verschleppt. Zu jener Zeit war Ulrich von End (oder Enndt) Herr auf dem Gut, verheiratet mit Agnes von Bussnang. Diese war alles andere als eine Schönheit und wurde mit dem Topos einer garstigen Hexe beschrieben: bucklig, rothaarig, mit spitzer Nase, eingefallenen Lippen, ein spitzes Kinn mit borstigen Haaren. Sie hatte die edle Tochter zu bewachen, wollte ihr aber ständig an die Gurgel.

Schliesslich entdeckte ein als herumziehender Scherenschleifer verkleideter Diener des Werdenbergers die im Turm Schmachtende. Der Graf zog daraufhin mit einigen Appenzellern auf, brach in die Burg ein und setzte sie in Brand. Der Vater rettete die Tochter mit einer Leiter aus dem Turm.

Dramatische Szenen, Geheimnisse, aber auch ganz gewöhnlicher Alltag – unter hohen Bäumen vergraben. Und nun suchen erstmals Archäologinnen und Archäologen in den Resten dieser Burg nach Spuren und jeder/r malt sich während der Arbeit seine Vorstellungen und Fantasien über die damalige Lebenswelt aus. Wer weiss, was der Spaten davon an den Tag bringen wird. Eine Informationstafel wird dereinst an dieser Stelle den Ausflüglern davon berichten.

16.4.2021 – Am Geburtstag meines ehemaligen Professor Roger Sablonier selig. Meine erste mittelalterliche Proseminar-Arbeit widmete ich 1997 den Freiherren von Bussnang, womit mein wissenschaftliches Interesse an dieser Anlage geweckt wurde, nachdem sie schon vorher wie wohl so manchem die Fantasie beflügelt hatte.
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Erste Sondierung, wo das Bänklein stand. – Foto: M. Mente.
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Die gleiche Stelle. – Foto: M. Mente
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Der Installationsplatz. Notabene: Die Grabung findet bei jedem Wetter statt. Zu Beginn der Kampagne herrschte garstiges Aprilwetter. – Foto: M. Mente.
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Ein Abschnitt der Südmauer, wie er sich noch im Oktober 2020 präsentiert hatte. Die Abholzung (und Waldpflege) fand in Absprache mit dem Natur- und Vogelschutz statt. Eine gewisse Wiederaufforstung ist nach der Grabungskampagne vorgesehen. – Foto: M. Mente
Neuburg Weinfelden Wyfelder Ausgrabungen Hinweisschild
Hinweisschild zu den Sanierungen der Neuburg in Weinfelden - Amt für Archäologie des Kanton Thurgau
Neuburg Weinfelden Wyfelder Ausgrabungen Warnschild
Warnschild zu den Sanierungen der Neuburg in Weinfelden - Amt für Archäologie des Kanton Thurgau

Literatur

  • 1708, Pflästerung des Letziwegs: BAW, B II,4.
  • Bornhauser, Thomas. Rudolf von Werdenberg im Freiheitskampf der Appenzeller. Frauenfeld 1853. – Das Epos lässt sich digital hier einsehen; die Geschichte um die Neuburg spielt auf. S. 185–202: https://books.google.ch
  • Lei, Hermann. Geschichte und Geschichten um Weinfelder Häuser und Plätze. Weinfelden 1974, S. 76.
  • Weinfelden: Die Geschichte eines Thurgauer Dorfes. Weinfelden 1983, S. 27 f.

Für Fragen und Informationen zur Grabung

michael mente weinfelden wyfelder thurgau

Michael Mente – ist Historiker, Archivar, Autor verschiedener Bücher und Beiträge und arbeitet derzeit in der Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Er ist in Weinfelden aufgewachsen und schreibt für den Wyfelder seit Start. In der Reihe «Fundstücke aus der Weinfelder Geschichte und Kultur» erzählt er uns zudem in loser Reihenfolge durch «sein» Weinfelden spazierend von unserem Städtchen.

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